Reus hat's geschafft
Berufungen: sechs: Länderspiele: eins - Reus ist jetzt Nationalspieler
Debüt gegen die Türkei: Reus wurde für Mario Götze eingewechselt
Langer Anlauf zum Debüt
Eine Szene nach dem Training: Thomas Müller schießt den Ball kerzengerade in die Luft. Marco Reus orientiert sich zum Ball, macht einen Schritt nach vorn, den Blick in den Himmel gerichtet. Noch einen Schritt weiter liegt ein Hütchen auf dem Rasen. Reus setzt zu einem weiteren Schritt an, das Unheil naht. Um Himmels willen! Vorsicht! Nicht aufs Hütchen treten – und schon wieder eine Verletzung. Reus weicht aus, und „pflückt“ den Ball mit seinem rechten Spann elegant aus der Luft. Nochmal gut gegangen. Unglaublich talentiert ist er, dieser Marco Reus, schier unglaublich ist auch seine Geschichte, die bis vergangenen Freitag sein Debüt für die Nationalmannschaft verhindert hat.
Ein Riese ist nicht gerade aus ihm geworden, auch gibt es Menschen mit mehr Muskelmasse. Marco Reus galt einst in Dortmund als zu schmächtig und zu klein, deshalb ließ die Borussia ihn im Jahr 2006 zu Rot Weiss Ahlen ziehen. 17 Jahre war Reus damals alt. Ein Typ wie Per Mertesacker oder Mario Gomez ist Reus zwar nicht. Trotzdem sind seine Qualitäten heute unbestritten: Er ist agil, wendig und schnell, auch mit dem Ball am Fuß. Ein kluger Fußball-Kopf ist er. Darum trifft Reus
auf dem Fußballplatz selten eine falsche Entscheidung. Alles was er macht, wirkt durchdacht. „Ein geiler Kicker“, sagt Jürgen Klopp, der heutige Coach des BVB, über Reus.
In Gladbach freut man sich besonders darüber. Zur Saison 2009/2010 wechselte Reus hierher, sein Leben auf der großen Bühne nahm Formen an. Den ersten ganz großen Auftritt hatte er am 28. August 2009. Im Spiel gegen den 1. FSV Mainz 05 erzielte er sein Premierentor in der Bundesliga. Und was für eins! In der eigenen Hälfte bekam er den Ball – und rannte los. Unaufhaltbar, unberechenbar. Reus war zu schnell für die Mainzer, zu wendig und zu agil. Nach seinem Sololauf über 54 Meter ließ er auch Torhüter Christian Wetklo keine Chance, überlegt verwandelte er mit links zum 2:0. Reus betrat das Rampenlicht, in Gladbach blühten fortan die Vergleiche mit ehemaligen Größen des Vereins.
Zwei Jahre später hat er alles gehalten, was er damals versprach. Spätestens seit er in der vergangenen Saison im Relegationsspiel gegen den VfL Bochum das Tor zum 1:1 erzielte und seiner Borussia damit den Klassenverbleib sicherte, steht der 22-Jährige hoch im Kurs. Selbst der sonst so nüchterne Trainer Lucien Favre lobte überschwänglich, dass Reus „unfassbar gut“ sei. Favre reiht sich in eine lange Liste an Bewunderern. „Ein ganz großes Talent“, nennt ihn Günter Netzer. „Ein guter Junge“, urteilt Bayerns Trainer Jupp Heynckes. Und selbst für Sir Alex Ferguson ist Reus ein „extrem interessanter Spieler“.
Und der Bundestrainer? Natürlich hat auch Joachim Löw den jungen Mann aus Gladbach beobachtet, natürlich hat auch er dessen Qualitäten erkannt. Dass Reus auf den wertvollen Zusatz „deutscher Nationalspieler“ so lange warten musste, hat ganz spezielle Gründe. Schon vor der WM in Südafrika wurde Reus für das Länderspiel gegen Malta zum ersten Mal von Löw zum DFB-Team eingeladen. Kurzfristig musste Reus verletzungsbedingt absagen, eine fast unglaubliche Geschichte begann. Seitdem hat er insgesamt viermal abgesagt: Mal war es ein grippaler Infekt, mal muskuläre Probleme, mal eine Schambeinentzündung, irgendetwas war immer. So hat Reus einen ganz eigenen Rekord aufgestellt: Berufungen: sechs, Länderspiele: eins.
„Es ist für ihn und für uns alle an der Zeit, dass er mal zum Einsatz kommt“, hatte Löw vor den Länderspielen gegen die Türkei und Belgien gesagt. Schon am Freitag war es so weit. Kurz vor Schluss wurde Reus für Mario Götze eingewechselt. Für wenige Augenblicke nur, doch für ihn waren es ganz besondere.
„Wann ich mein Debüt feiere, ist egal“, hatte Reus immer wieder betont. „Hauptsache, ich feiere es überhaupt.“ Reus gibt sich, wie er ist: locker, unaufgeregt, offen, entspannt. Im Kreise der Nationalmannschaft ist er längst angekommen, nachdem er sich erst einmal orientieren musste. „Beim ersten Mal kannte ich nur wenige Mitspieler vorher, auch waren mir die meisten aus dem Betreuerstab unbekannt. Das hat sich mit jedem Mal geändert. Ich bin also mittlerweile viel lockerer“, sagt er. „Der Wohlfühlfaktor steht bei mir an erster Stelle.“ Die Voraussetzungen, dass er zeigt, wozu er fähig ist, stehen also gut.
Am wohlsten fühlt er sich, wenn er einen Ball am Fuß hat. Auch beim DFB-Team ist das nicht zu übersehen. Wenn Löw die Spieler auf dem Trainingsplatz zu Besprechungen bittet, hört Reus aufmerksam zu. Wie alle anderen. Aber Reus hat immer einen Ball am Fuß. Während der Trainer redet, streichelt er das Leder mit seinen Füßen, erst rechts, dann links.
Vom Fußball kann der Gladbacher nicht genug bekommen, auch bei der Nationalmannschaft ist er nach dem Training immer einer der letzten, der den Rasen verlässt. Mal spielt er sich mit Benedikt Höwedes die Bälle zu, mal albert er mit Thomas Müller, wetteifert darum, wer den Ball am besten und auf die vielfältigste Art aus der Luft stoppen kann. Besonders vorsichtig ist er dabei nicht. „Wenn man sich nur darauf konzentriert, sich bloß nicht zu verletzen, dann passiert garantiert etwas“, sagt er. In den vergangenen Tagen lief alles rund: Das Debüt in der Türkei wird er sicher nie vergessen.
sl

