Klose im O-Ton
Klose: "Noch einige gute Jahre"
"Warum sollte ich die WM 2014 nicht spielen?"
101 Länderspiele, 52 Treffer: Miroslav Klose ist der erfolgreichste noch aktive Nationalspieler. Beeindruckende Zahlen, die der 32-Jährigen dennoch für ausbaufähig hält.
Vor dem Start in die EM-Qualifikation am Freitag (ab 20.45 Uhr, live in der ARD) in Brüssel gegen Belgien spricht der Bayern-Profi im exklusiven team.dfb.de-Interview mit Onlineredakteur Steffen Lüdeke über seine sportlichen Pläne, seine jungen Sturmkollegen und die neuen Stars der Bundesliga.
team.dfb.de: Herr Klose, Sie haben kürzlich die WM 2014 als ein Ziel genannt. Wie realistisch ist es, dass Sie bei der WM in Brasilien tatsächlich noch für Deutschland spielen?
Miroslav Klose: Ich glaube, dass ich noch einige Jahre auf hohem Niveau spielen kann. Ich bin erst 32, so alt ist das noch nicht. Wenn ich in vier Jahren noch fit bin meine Leistung stimmt, warum sollte ich dann nicht spielen?
team.dfb.de: Glauben Sie, dass sie als dann 36-Jähriger sportlich der Stürmer-Konkurrenz in Deutschland gewachsen wären?
Klose: Das wird man sehen. Am Beispiel von Thomas Müller sieht man ja, dass immer wieder junge, talentierte Spieler nachrücken. Mit Mario Gomez, Cacau und Stefan Kießling sind schon jetzt gute Stürmer dabei, auch Marco Reus wird seinen Weg machen. Ich mache mir da keine Sorgen: Deutschland wird immer Stürmer haben, die sich international nicht verstecken müssen.
team.dfb.de: Jemand, der so häufig trifft wie Sie, ist allerdings selten. Mit 52 Toren haben Sie in der ewigen Bestenliste nur noch Joachim Streich (55) und Gerd Müller (68) vor sich.
Klose: Solche Statistiken sind für mich nicht sonderlich wichtig. Wichtig ist für mich immer der Erfolg der Mannschaft. Klar ist es die Aufgabe eines Stürmers, Tore zu erzielen, aber über allem steht, dass das Team gewinnt. Wer wie viele Tore geschossen hat, ist eigentlich nebensächlich.
team.dfb.de: Ihnen wurde deswegen schon häufig fehlender Eigensinn vorgeworfen.
Klose: Dieser Vorwurf begleitet mich die gesamte Karriere. Aber ich habe einen gewissen Stil, den kann und will ich abstellen. Ich habe als Stürmer dieses räumliche Sehen und sehe daher nicht nur das Tor, sondern nehme wahr, wie meine Mitspieler positioniert sind. Wenn ein Mitspieler neben mir läuft, dann lege ich den Ball quer, wenn ich denke, dass dadurch die Wahrscheinlichkeit größer ist, ein Torzu erzielen. Ich freue mich mit der Mannschaft, wenn wir Erfolg haben – denn das allein zählt und ist für alle die Hauptsache.
team.dfb.de: Dann waren Sie bei der WM auch nicht zu enttäuscht, dass Sie nach vier Toren wegen Ihrer Verletzung im Spiel um Platz 3 nicht zum Einsatz kommen konnten? Immerhin blieb Ihnen so die Chance verwehrt, Ronaldo als WM-Rekordtorschützen zu überholen. Mit 15 WM-Toren hat er nun in dieser Statistik einen Treffer mehr auf seinem Konto als Sie.
Klose: Ich kann mich nur nochmals wiederholen: Richtig wichtig sind für mich immer nur die Ziele, die ich mit der Mannschaft erreichen kann. Aber natürlich hätte ich in dieser besonderen WM-Statistik gerne zu Ronaldo aufgeschlossen oder ihn sogar überholt. Deswegen wollte ich auch unbedingt spielen. Aber beim Abschlusstraining waren die Schmerzen zu stark, so dass ich einsehen musste, dass im Sinne des Erfolg der Mannschaft ein Einsatz gegen Uruguay keinen Sinn macht. Das war umso bitterer als mir mein Gefühl an diesem Tag gesagt hat, dass ich in dem Spiel noch ein oder sogar mehrere Tore erzielt hätte. Aber es ging einfach nicht wegen der Verletzung, die ich im Halbfinale gegen Spanien erlitten hatte.
team.dfb.de: Was bleibt für Sie von der WM in Südafrika in Erinnerung?
Klose: In der Rückschau muss ich sagen, dass die WM für mich faszinierend war. Ich war zum ersten Mal in Afrika. Mich haben die Menschen dort mit ihrer Freundlichkeit und Herzlichkeit beeindruckt. Diese Lebensfreude mit den Gesängen und den Tänzen – das war großartig. Natürlich war auch die Freude und Begeisterung in den Stadien entsprechend. Das war eine Atmosphäre und Kultur, die ich vorher noch nie so gesehen habe. Ich bin sehr froh, dass ich das kennen lernen durfte.
team.dfb.de: Vor den Spielen gegen Belgien und Aserbaidschan ist erstmal seit der WM der komplette Kader versammelt. Wie viel von der WM-Atmosphäre ist im Team noch zu spüren?
Klose: Natürlich ist die WM noch ein Thema, natürlich wird noch die eine oder andere Anekdote erzählt. Uns allen ist aber trotzdem klar, dass die WM vorbei ist und wir nach vorne in die Zukunft schauen müssen. Wir stehen vor einer neuen Herausforderung. Wir haben zum Start der EM-Qualifikation gegen Belgien und Aserbaidschan gleich zwei schwere Aufgaben, die wir unbedingt erfolgreich bewältigen Zwei Spiele, bei denen wir sechs Punkte einfahren wollen.
team.dfb.de: Am Mittwoch ist eine wichtige Entscheidung für die Zukunft des Teams gefallen, Bundestrainer Joachim Löw hat erklärt, dass Michael Ballack weiterhin Kapitän der Nationalmannschaft ist, wenn er wieder in Topform und im Aufgebot dabei ist. Wie ist dazu Ihre Meinung?
Klose: Ich finde das nicht so wichtig. Für mich ist entscheidend, dass sich ein gewisser Kern von Spielern für die Team verantwortlich fühlt und insgesamt die Mechanismen funktionieren. Etwa, dass der Mannschaftsrat an einem Strang zieht und sich in aktuellen Fragen einheitlich positioniert. Alles andere lenkt nur von dem ab, was unsere Hauptaufgabe ist: gut und erfolgreich Fußball spielen.
team.dfb.de: Damit kann die Mannschaft nach der WM auch am Freitag in Brüssel gegen Belgien weiter machen. Sie werden auf dem Platz häufig auf Daniel van Buyten treffen, ihrem Teamkameraden vom FC Bayern. Inwieweit war das Länderspiel deswegen zuletzt schon in München ein Thema?
Klose: Gar nicht. Es ist doch klar, dass er dieses Spiel genauso gewinnen will, wie wir das wollen. Dementsprechend ehrgeizig wird er sein. Er ist ein guter Verteidiger, es ist nicht einfach, gegen ihn zu spielen.
team.dfb.de: Ist es deswegen von Vorteil für Sie, dass Sie ihn aus München gut kennen?
Klose: Ein Nachteil ist es nicht. Jeder Spieler hat Schwächen, auch Daniel van Buyten. Aber ob es mir gelingt, diese im Spiel auszunutzen, wird man sehen.
team.dfb.de: Wie wichtig wäre denn ein Erfolg zum Einstand für das Gelingen des Unterfangens EM-Qualifikation?
Klose: Ein Sieg wäre unheimlich wichtig. Doch wir unterschätzen alle Gegner in der EM-Qualifikation nicht, jedes Spiel wird schwer. Die Belgier wissen wie jedes andere Team, dass sie eine große Nation schlagen können, wenn sie alles geben – und deshalb wird jeder Gegner gegen uns hochmotiviert sein. Belgien hat viele gute, talentierte Spieler. Aber wir sind selbstbewusst und daher die Qualität, uns in Brüssel durchzusetzen. Wir müssen so konzentriert ins Spiel gehen, wie wir das bei der WM getan haben.
team.dfb.de: Das Team, aber auch Sie persönlich haben überzeugenden Leistungen geboten und wurden auch international für attraktiven Fußball gelobt. Wie bewerten Sie ihre aktuelle Form? In der Vorbereitung und im DFB- Pokal haben Sie für Bayern München schon wieder getroffen.
Klose: Wegen der Verletzung konnte ich im Urlaub nicht viel machen. Viel mehr als Schwimmen und leichtere Fitness-Übungen war nicht drin. Sicherlich ist dennoch eine gewisse Form da, ich bin also ganz zufrieden. Aber klar ist auch, dass noch viel Luft nach oben ist.
team.dfb.de: Die Mannschaften der Bundesliga haben aktuell insbesondere im Sturm aufgerüstet. Schon in der vergangenen Saison kam Ruud van Nistelrooy zum HSV,nun hat sich Schalke mit Raul und Jan-Klaas Huntelaar prominent verstärkt. Freuen Sie sich auf die neue Konkurrenz? Wird die Liga dadurch attraktiver und spannender?
Klose: Klar. Ich finde es gut, dass solche Spieler jetzt in Deutschland spielen. Wir bei Bayern sehen es aber ziemlich entspannt, weil wir wissen, dass wir einen Kader haben, der immer vorne mitspielen kann und der sich vor der Konkurrenz sicher nicht verstecken muss. Für die Liga ist es dennoch gut, dass prominente Namen jetzt in Deutschland spielen.
team.dfb.de: Wie sehen Sie sich im Vergleich mit diesen Spielern. Welchen der neuen Konkurrenten schätzen Sie besonders?
Klose: Nistelrooy und Raul sind vor dem Tor einfach Killer, die haben eine Nase. Sie stehen immer goldrichtig, das ist eine Gabe. Das ist eine Fähigkeit, die bei mir nicht so ausgeprägt ist. Dafür habe ich beide stets bewundert. Mich hat das immer fasziniert, dass sie goldrichtig stehen und ihre Tore machen. Sie sind hervorragende Fußballer.
team.dfb.de: Zurück zur Nationalmannschaft. Deutschland spielt in der EM-Qualifikation in einer Gruppe mit Belgien, der Türkei, Österreich, Kasachstan und Aserbaidschan. Wie schätzen Sie diese Gruppe ein?
Klose: Natürlich sind Belgien, die Türkei und Österreich nominell die schwierigsten Gegner. Aber auch Kasachstan und Aserbaidschan darf man nicht unterschätzen. Gegen die vermeintlich Kleinen tut man sich ja immer schwer. Wir müssen aufpassen, dass wir da nicht straucheln. Denn natürlich wollen wir uns so schnell wie möglich für die EM in Polen und der Ukraine qualifizieren.
team.dfb.de: Inwieweit wäre diese Turnier wegen Ihrer polnischen Wurzeln etwas ganz Besonderes?
Klose: Polen ist mein Geburtsland. Ein Teil meiner Familie lebt da. Deswegen ist es für mich natürlich ein großes Ziel, dort bei der EM dabei zu sein. Ich werde alles tun, damit ich bei diesem Turnier wieder eine Stütze für die deutsche Nationalmannschaft sein kann – das wäre sicherlich in meiner Karriere ein besonderes Erlebnis.
sl

